Was alles so an Erledigungen anfällt, wenn man beschließt das Land als Obdachloser (offiziell: deutscher Staatsbürger ohne festen Wohnsitz) zu verlassen, habe ich unterschätzt. Also habe ich alle Gedanken von mir geschoben, die ich hätte für die Zukunft haben sollen, für die Zeit nach dem Flug. Daher stieg ich in Lima aus dem Flugzeug, mit allem, was ich meinte für eine Reise unbestimmter Zeit zu brauchen. Mit allem, außer Spanischkenntnissen. Mit allem, außer einer Ahnung, was Peru eigentlich zu bieten hat. Ab dem Moment, wo ich aus dem Flugzeug stieg, hatte ich keinen Plan mehr. Keine Ahnung mehr. Ich war allein auf dem Kontinent und auf mich gestellt. Und das wurde mir mit einem mal bewusst, als ich am Flughafen stand und Angst hatte. Ich verfluchte mich für meine Faulheit, vorher kein Spanisch gelernt zu haben. Und ich fragte mich, warum ich das eigentlich alles machen wollte. Zum Glück hatte ich gute Freunde, die mir gut zugeredet haben. Das ist dein Traum, du schaffst das schon, geh erstmal aus dem Flughafen raus, das wird die beste Zeit deines Lebens! Ich hatte in weiser Voraussicht schon ein Hostel gebucht, sonst wäre ich mit dem nächsten Flugzeug wieder nach Hause geflogen.
Mein Tauchlehrer hatte mir kurz vor meinem Abflug erzählt, dass es in seinem Bekanntenkreis einen Tauchausflug nach Lima gab. Ein Teilnehmer ist nach Ankunft aus dem Hotel auf die Straße – und wurde nie wieder gesehen. Andere erzählten mir von Taxifahrern, welche in Nebenstraßen fahren und einen unachtsamen Touristen ausrauben. Oder die Organe klauen. Das auswärtige Amt warnte vor Taschendieben und in Lima war gerade der Ausnahmezustand ausgerufen, wegen Demonstrationen der Bevölkerung. Ich traute mich den ersten Tag kaum auf die Straße. Ich kaufte mir in der Nähe eine SIM Karte und was zu essen, dann saß ich unentspannt im nahen Park und beäugte misstrauisch jeden Passanten.
Auf einer Stadtführung am Abend lernte ich jedoch sehr viel über das Land, seine spannende Geschichte und ein wenig über die Kultur. Und die vergangenen Hochkulturen. Es gab nicht nur die Inka, sagte der Guide. Erst später erkannte ich, was er wirklich meinte. Wir liefen über die bekannten Plätze Limas (vorsicht vor Taschendieben!), schauten uns ein paar Kirchen an (überladen mit Gold und Stuck, ausnahmslos katholisch) und die wichtigsten Gebäude der politischen und religiösen Prominenz. Beeindruckt hat mich der Kontrast zwischen dem sauberen und majestätischen Plaza Mayor, dme Hauptplatz, welchen der Präsident direkt von seinem Palast aus bestaunen kann und den Favelas, welche sich den Hang auf der anderen Flussseite hinauf ziehen, direkt hinter dem Palast. Über den Fluss wollte der Guide nicht mit uns und riet auch von einem Ausflug in die Armenviertel ab. Dafür gingen wir zu dem besten Churro Laden der Stadt, eine angemessene Alternative und ein guter Abschluss. Ich traf ein Paar, die drei Wochen Zeit für ihre Südamerika Reise hatten. Sie wollten in dieser Zeit drei Länder besuchen, genau getaktet und schon jede Busfahrt, jedes Hotel gebucht, alles in einer Checkliste geplant. Vom Restaurant bis zu Sehenswürdigkeiten. Ich beschloss, dass es in Ordnung ist, keinen Plan zu haben.
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